von

Sind wir hier im Paradies?

 

„Sind wir hier im Paradies?“ Die Gründerin und langjährige Leiterin des Meisterkurses und Wettbewerbes für zeitgenössissche Musik in Halberstadt , Ute Schatz-Laurenze, übergibt die Leitung an die Sängerin Sarah Maria Sun und den Komponisten Christoph Ogiermann. Die Bremer Musikjournalistin erinnert sich.

Am Freitag, 16.9. geht es los: Vierzehn SängerInnen und Sänger bewerben sich um den 7. John Cage Interpretation Award und kämpfen um das Preisgeld von € 10 000,-. In meiner damaligen Eigenschaft als Mitglied des künstlerisch wissenschaftlichen Beirates wurden wir nach Ideen gefragt, wie man künstlerisch und wissenschaftlich in der verfallenen Burchardikirche das Projekt „Das längste Musikstück der Welt“ sinnvoll ergänzen könnte. Das Orgelstück Organ2 mit der Interpretationsanweisung „As slow as possible“ erklang zu diesem Zeitpunkt seit 5 Jahren und soll insgesamt 649 Jahre erklingen. Heute besuchen jährlich über 10 000 Menschen aus aller Welt das Ereignis, zu dessen Gründern der schwedische Organist Hans Ola Ericsson, die deutschen OrganistInnen Karin Gastell und Christoph Bossert gehören, dazu eine Halberstädter Cage-Fangemeinde. In meinen Recherchen stellte ich fest, dass es weltweit keinen einzigen Wettbewerb für zeitgenössische Musik, wohl für Komposition, nicht aber für Interpretation gibt. Geld hatte die Stiftung nicht, aber ein wunderbares Haus, das von Spenden unterhalten wird. Auch einige Projekte und Ausstellungen aus der bildenden Kunst wurden möglich. Nun machte ich mich auf die Suche nach einem Sponsor, der mir half, meine Idee durchzuführen und fand die Karin und Uwe Hollweg Stiftung in Bremen, die seit dem ersten Kurs und Wettbewerb 2008 ein zuverlässiger Begleiter blieb. Meine Idee: Zweijährlich findet ein 7tägiger Meisterkurs statt, der mit einem Wettbewerb endet. Jedes Jahr sollte ein anderes Instrument im Mittelpunkt stehen. Wichtig war mir die Zusammenarbeit mit den DozentInnen, die einen kollegialen und vor allem unbürokratischen Aufenthalt garantieren. „Sind wir hier im Paradies gelandet?“ schrieb eine Oboistin aus dem Iran ins Gästebuch. Im Laufe von dreizehn Jahren konnten wir einen Streichquartettkurs anbieten, einen Orgelkurs, einen Bläserkurs (Oboe, Klarinette und Fagott), einen Schlagzeug- und Akkordeonkurs, und zwei Gesangskurse, weil der erste überfüllt war. Das Renomme wuchs und wuchs, so dass der Siegerin des Kurses 2020, Siddhii Lagrutta, bei ihrer Bewerbung für einen großen Gesangswettbewerb in Rom die Teilnahme am Semifinale ohne vorheriges Vorsingen angeboten wurde. Heute haben die SiegerInnen bedeutende Positionen in der Musikwelt: der deutsche Geiger Johannes Haase ist Mitglied der Deutschen Kammerphilharmonie, die Ungarin Dóra Pétery Organistin an der Lutherkirche in Budapest, die Japanerin Sachiko Meßtorf Organistin an der Kreuzkirche in Berlin, die Deutsche Magdalena Faust stellvertretende Soloklarinettistin im Orchester des Hessischen Rundfunks. Das Team im Cagehaus gab und gibt sich alle Mühe, ein kollegiales und kommunikatives Klima herzustellen, was nicht immer einfach ist: die AWZ stellt Überäume zur Verfügung, eine Nachbarin backt Kuchen, die StudentInnen dürfen die Küche benutzen, abendliches Zusammensitzen ist üblich. Beim letzten Kurs wurde beschlossen, den Wettbewerb vom Kurs zu trennen. Das findet jetzt zum ersten Mal statt und zum ersten Mal haben meine NachfolgerInnen, die Sängerin Sarah Maria Sun und der Komponist Christoph Ogiermann, die Leitung und Organisation übernommen. Zudem wird das Ausbildungsangebot erweitert: Es wird neben Gesang (Sarah Maria Sun, Dresden) Yoga (Yeri Anarika, Berlin) Schauspielunterricht (Manfred Weiss, Dresden) und Improvisation (Christoph Ogiermann, Bremen) geben. Sarah Maria Sun: eine der bekanntesten und erfolgreichstenSängerinnen der zeitgenössischen Musik, die dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen die weibliche Hauptrolle in Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ mit enormem Erfolg gesungen hat.

Es ist nicht übertrieben, wenn ich heute behaupten kann, dass der Aufbau dieses Projektes und die Durchführungen zu den schönsten Aufgaben meines Berufsleben gehörte: die intensiven Treffen mit KünstlerInnen und HelferInnen haben feste Beziehungen hinterlassen. Ich wünsche Sarah Maria Sun, dem neuen Vorstand der John-Cage-Orgel-Stiftung und Christoph Ogiermann alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

Zurück